Brief von Gerd – Liebe Luna,

du bist jetzt 14 Wochen alt und seit vier Tagen das erste Mal in deinem Leben im Italien-Urlaub. Du wirst von allen Seiten gestreichelt, liebkost und verwöhnt. Du bist jung, unschuldig – bist ohne Vergangenheit. Du hast als Einzige in unserer Familie keine Aufgabe. Ein Hundeleben?

Luna, 14 Wochen, Dalmatiner-Labrador

Dir wird das Essen und Trinken bereitgestellt und dazwischen darfst du liegen und schlafen. Du musst keinen Müll wegtragen, musst keine Teller abwaschen oder einkaufen gehen. 
ABER du geniesst die gleich schönen, warmen Sonnenstrahlen wie wir. Da komm mir noch jemand mit dem Vergleich – der hat aber ein „Hundeleben“ – also so schlecht scheint mir das nicht zu sein.
Du weisst nichts von dieser Welt – du kennst die Bedeutung und die Worte Tschernobyl und Fukushima nicht, du kennst keine Begriffe wie Wirtschaftskrise und Börsenkrach.

Du kennst diesen irren Norweger nicht, der auf einer Ferieninsel 69 junge Menschen mit einem riesigen Potential an Zukunft, einfach wie Tontauben abgeschossen hat. 

Du lebst sorgenfrei in den Tag hinein und denkst nicht an die nächste Gasrechnung die in drei Monaten auf dich wartet. Du gehst nicht zur Gesundenuntersuchung, wo man eine wachsende Krebszelle feststellt oder dich wenigstens darauf hinweist, dass deine Cholesterinwerte 10% über der Toleranzgrenze liegen.
Weisst du was – ich lerne an dir, was für ein Schatz „Nichtwissen“ ist – und was machen wir Menschen. Wir wissen alles, wollen alles wissen, stopfen uns voll mit Informationen, erfahren, wenn in China ein Fahrrad umfällt, weil grad eine Livecam darauf gerichtet ist. Und zwar nicht wie früher nach einigen Wochen – nein – in der gleichen Sekunde. Wenn ich dich so betrachte, kleine Luna, dann wird mir klar, dass weniger Wissen vielleicht glücklicher macht als viel Wissen.
Liebe Luna, danke, dass ich an dir lernen und reifen kann – du zeigst mir und anderen, dass Leben nicht schwer sein muss – du zeigst mir, dass Leben einfach Leben ist.
Und wir haben doch noch was gemeinsam – dein Leben und mein Leben – beide sind begrenzt und sehr kurz – eigentlich nur ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt.
In Gedanken – euer G.Ender
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